Offener Brief
An die Veranstalter des CSD Bremen
(Toleranzfabrik e.V., Würzburg)
Wir, ein lockerer Zusammenschluss unterschiedlicher lesbischer, schwuler, bisexueller, queerer Bremer Gruppen, waren ziemlich verwundert, als wir über das bundesweite CSD-Veranstaltungsheft erfahren haben, dass auch dieses Jahr wieder ein CSD in Bremen geplant ist. Ein CSD in Bremen ohne die Einbindung Bremer Gruppen ist für uns schwer vorstellbar. Wir finden es merkwürdig, dass ein CSD in Bremen von einem Würzburger Veranstalter, dem Verein Toleranzfabrik e.V., organisiert wird. Zudem finden wir es eigentümlich, dass der Vorstand eben dieses Vereins identisch ist mit der Geschäftsführung der Event-Agentur Junx4you, die im Würzburger Raum schwul-lesbische Partys veranstaltet, hinter dem CSD in Bremen also ein kommerzieller Organisator zu stehen scheint und dies nicht transparent gemacht wird.
Unter diesen Umständen erscheint es uns falsch, solch eine Veranstaltung „CSD“ zu nennen. Es entsteht der Eindruck, dass hier „CSD“ nur als Label und Werbeträger für eine rein kommerzielle Veranstaltung verwendet werden soll. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass eine Teilnahme nicht-kommerzieller Gruppen im letzten Jahr nur gegen die Bezahlung von Standgebühren möglich sein sollte. Außerdem wurde nicht offengelegt, ob und in welcher Form die eingenommenen Gelder der Community wieder zufließen sollen (z. B. zur Unterstützung schwul-lesbischer Projekte).
Für uns ist der CSD (immer noch) eine Demonstration lesbischer, schwuler, bisexueller, queerer Lebensweisen, und kein Partyprodukt, das man beliebig im- und exportieren kann. Die zum CSD vielbeschworene und gefeierte Community setzt sich aus der Vielfalt der Gruppen vor Ort zusammen. Die Einbindung der Gastronomiekette Alex in den Bremer CSD als einzige, zudem kommerzielle und auch nur gelegentliche Veranstalterin schwul-lesbischer Partys ist da sicherlich nicht ausreichend und zeugt weniger von einer Einbindung lokaler Strukturen als vielmehr von der erfolgreichen Akquise regionaler Geschäftspartner .
Schon 1994 wurde in Bremen die Kommerzialisierung des CSD kritisiert. Der CSD Weser-Ems in Bremen wurde damals von einem eigens gegründeten Verein (CSD Bremen/Weser-Ems) organisiert und von der Zigarettenmarke West und dem Stadtmagazin Prinz gesponsert. Die Gruppe Suspekt wollte mit Flugblättern und einem Redebeitrag diese „Kommerz-Vereinnahmung“ anprangern und an die politischen und radikalen Ursprünge des CSD erinnern; ihr – nicht angemeldeter – Wagen wurde jedoch auf Aufforderung der Veranstalter mit Polizeieinsatz aus der CSD-Parade entfernt.
Aufgrund dieses Debakels haben sich die Gruppen in Bremen, Oldenburg und umzu darauf geeinigt, dass eine gemeinsame CSD-Parade in Oldenburg veranstaltet wird. Der CSD Nordwest bildet seit 1995 hierfür den Rahmen mit einem vielfältigen Programm in den Städten und Orten der Region. Der Verzicht auf Sponsoring sowie auf Stand- und Wagengebühren für gemeinnützige bzw. nichtkommerzielle Gruppen und Vereine gehört bis heute zu den wesentlichen Grundsätzen des CSD Nordwest, die aufgrund der Bremer Erfahrungen vereinbart wurden.
Diese Absprache sowie die Ereignisse, die zu der Absprache geführt haben, wurden euch bereits Anfang letzten Jahres auf dem Treffen erläutert, zu dem ihr einige Bremer Gruppen geladen hattet.
Schon letztes Jahr habt ihr euch mit der Durchführung eines CSD-Straßenfestes auf dem Domshof über die Ansage der Gruppen hinweg gesetzt, sich im Kontext des CSD Nordwest zu verorten. Wir haben weder Bedarf noch Interesse an einer CSD-Veranstaltung in Bremen, bei der noch nicht einmal den Versuch einer Anbindung an den CSD Nordwest unternommen wird. Wir fragen uns, ob euch die gewachsenen, lokalen Strukturen egal sind - dies würde zumindest erklären, warum ihr euch dieses Jahr überhaupt nicht mit uns in Verbindung gesetzt habt.
Wir fühlen uns als Teil des CSD Nordwest! Gegen ein schwul-lesbisches Straßenfest in Bremen, eingebunden ins Rahmenprogramm des CSD Nordwest, hat niemand von uns etwas einzuwenden; nur sollte es sich nicht „CSD“ nennen und damit als Konkurrenzveranstaltung zum CSD Nordwest auftreten.
Falls ihr noch Informationsbedarf habt, laden wir euch gern zu einem Treffen ein. In eurem Gästebuch auf der CSD-Bremen-Website kann man sich ja nun leider nicht mehr mit euch austauschen, da ihr es am 5.7. vom Netz genommen habt......
Die UnterzeichnerInnen:
kraß – zentrum für aktion, kultur und kommunikation
Rat & Tat Zentrum für Schwule und Lesben e.V.
Café „Bi it“
queerfilm e. V.
Tall Pressler, Friederike Hoffmann (ehemals Suspekt)
Lesbentelefon
TRULLA - FrauenLesbenKalender
sm – Bremen
Schlampenkneipe
Bi – Gruppe im Rat & Tat Zentrum
Hagazussa e.V. |