Die Beratungsstelle des RAT&TAT-Zentrums besteht in diesem Monat 25
Jahre. Vor dem Aufbau mit professionellen Mitarbeitern berieten schon
die ehrenamtlichen Berater des Zentrums zu den Themenbereichen
Homosexualität, schwules Leben und der neuen Krankheit Aids. In den
Medien wurde von einer »Schwulenkrankheit« berichtet, und es bestand die
Gefahr, dass die vorhandene Diskriminierung von schwulen Männern
dadurch verstärkt werden würde. Die Krankheit Aids forderte neue Wege
und eine Professionalisierung der Arbeit. Im April 1986 wurden die neuen
Mitarbeiter über ABM-Mittel finanziert. 1988 wurden die Stellen und
Sachmittel durch die Bundesregierung (Modellprojekt zu Aids) und seit
1992 aus den Bremer Haushaltsmitteln gefördert.
Die Mitarbeiter hatten zu Beginn Pionierarbeit zu leisten: Informationen
über Aids waren zwar vorhanden, aber die Berichte in den Medien
verunsicherten nicht nur die Allgemeinheit und die
Hauptbetroffenengruppen, sondern auch das medizinische Fachpersonal und
andere professionelle Gruppen. Hilfen für Menschen mit HIV und Aids
waren im medizinischen, pflegerischen und psychosozialen Bereich nur
unter Mühen und mit großem, persönlichen Arbeitsaufwand zu erbringen.
Vielfältige Angebote und anonyme Beratung als Schlüssel zum Erfolg
In den 25 Jahren der regionalen Aids-Arbeit ist es Bremen gelungen,
statt seuchenrechtliche Maßnahmen zu ergreifen, auf Solidarität und
Akzeptanz der Lebenssituation von Betroffenen sowie anonyme und
vertrauliche Beratungen zu setzen. Hierdurch wurden Beratung, Begleitung
und Prävention angenommen. Die intensive Kooperation zwischen
Gesundheitsamt und der Gay Community haben sich bewährt.
Das RAT&TAT-Zentrum hat 1994 eine lesbische Mitarbeiterin
angestellt. Seitdem suchen verstärkt lesbische Frauen die
Beratungsstelle auf. Im Mittelpunkt dieser Beratungen stehen weniger die
Themen HIV und Aids als Fragen zu der Gestaltung von lesbischen
Beziehungen. Gleichzeitig bildeten sich verschiedene Selbsthilfe- und
Arbeitsgruppen zu lesbischem Leben.
Das Zentrum ist im Bremer Raum die kompetente und verlässliche Adresse
für alle Fragen im Bereich der Gleichgeschlechtlichen Lebensweisen sowie
zu HIV und Aids. Im Laufe der Jahre haben wir unsere Angebote
kontinuierlich den veränderten Bedingungen angepasst. Die
Beratungsstelle im RAT&TAT-Zentrum ist fest eingebunden in das Netz
der psychosozialen Beratungsstellen in Bremen.
Veränderungen der Arbeit im HIV-Bereich
Das umfassende medizinische Wissen um HIV und die verbesserten
medizinischen Behandlungsmethoden für Menschen mit HIV seit Mitte der
90er Jahre hat die Immunschwäche zu einer behandelbaren chronischen
Krankheit gemacht. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht nicht
mehr der Tod, sondern der Blick auf das Leben und die Gestaltung des
Alltags. Fragen nach der Erwerbsarbeit und sinnvoller Beschäftigung
stellen sich. Gleichzeitig zeigen sich die Folgen der langen Zeit der
Infektion und die Nebenwirkungen der antiretroviralen Medikamente. Mehr
medizinisches Wissen und Behandlungen führen bei vielen zu
Überforderungen bei Entscheidungen für eine Therapie und Behandlung. Die
Fragen nach Partnerschaft, Liebe und Sexualität bleiben in ihrer
Dynamik erhalten. Die Kürzungen bei den Sozialleistungen treffen die
vielen jungen Aids-Kranken hart. Das Leben mit Grundsicherung oder Hartz
IV ist für viele vorprogrammiert.
In der Präventionsarbeit ist flexibles und kreatives Handeln notwendig.
Ein Heilmittel ist immer noch nicht in Sicht. Safer Sex ist auch 2011
eine notwendige Maßnahme. Sexuell übertragbare Erkrankungen haben in den
vergangenen Jahren zugenommen. Diese müssen ebenfalls thematisiert
werden.
Wir haben auf die neuen Kontaktmöglichkeiten für schwule Männer oder
Männer, die Sex mit Männern haben, im Internet reagiert. In
Zusammenarbeit mit den bundesweiten Zentren bieten wir eine Chatberatung
in den Kontaktportalen der Gay Community an. Unser Präventionsangebot
haben wir daraufhin erweitert. Gleichzeitig unterstützen wir die
IWWIT-Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe und nehmen an den
IWWIT-Testwochen teil.
Schulaufklärungsveranstaltungen zu den Themen HIV/Aids und zu
Gleichgeschlechtlichen Lebensweisen sind weiterhin ein wichtiger
Baustein der Prävention. Hier haben sich
verschiedene Kooperationen mit Quartier e.V., queerfilm e.V., Pro familia und der AIDS/STD-Beratung des Gesundheitsamtes entwickelt und bewährt.
Veränderungen der Arbeit durch verbesserte gesellschaftliche Rahmenbedingungen für Gleichgeschlechtliche Lebensweisen
Die Lebenssituation von schwulen Männern Anfang der 80er Jahre in
Deutschland war geprägt durch die Existenz des § 175 Strafgesetzbuch,
nach dem sexuelle Handlungen zwischen Männern unter 18 Jahren und
Männern über 18 Jahren unter Strafe gestellt wurden. Vorurteile und
Diskriminierungen in vielen gesellschaftlichen Bereichen wie Medien,
Medizin, Militär, Kirche und Schule waren allgegenwärtig.
Deutliche Veränderungen gab es erst Anfang der 90er Jahre, als
beispielsweise der § 175 aus dem Strafgesetzbuch und die Klassifikation
Homosexualität durch die World Health Organization (WHO) aus dem Katalog
der Krankheitsdiagnosen gestrichen wurden. Weitere Verbesserungen für
Schwule und Lesben erfolgten durch das Lebenspartnerschaftsgesetz, das
Allgemeine Gleichstellungsgesetz und den Antidiskriminierungsschutz in
der Bremischen Landesverfassung. Neben den Beratungsgesprächen zum
Coming Out und zur Gestaltung gleichgeschlechtlichen Lebens waren nun
auch Fragen zum Lebenspartnerschaftsgesetz Gesprächsinhalte.
Am Anfang unserer Beratungsarbeit gab es in Bremen eine eingeschränkte
Infrastruktur für Schwule, Lesben und Bisexuelle. Heute haben wir ein
vielfältiges Angebot von verschiedenen Gruppen und Vereinen, mit einem
breiten Spektrum von Kultur- und Freizeitangeboten. Auf diese Angebote
verweisen wir gerne, wenn Kontakte gesucht werden und persönliche
Interessen und Vorlieben hierzu geäußert werden.
Einsparungen erfordern Kreativität und gefährden die Qualität der Arbeit
Die Mitarbeiter der Beratungsstelle im RAT&TAT-Zentrum begleiten
jährlich ca. 50 Menschen mit HIV/Aids sowie deren Freunde und
Angehörigen. Jährlich führen wir ca. 700 telefonische und ca. 600
persönliche Beratungsgespräche bei Fragen zu HIV/Aids und
Gleichgeschlechtlichen Lebensweisen. Aufklärungsveranstaltungen für
Schulklassen und andere Gruppen sind weiterhin notwendig.
Präventionsangebote und -aktionen zur Verhinderung von Neuinfektionen
sind wichtige Bereiche für eine nachhaltige Arbeit. Aufgrund der
Deckelung der Zuwendungen seit 10 Jahren sind wir gefordert, Eigenmittel
in Höhe von 30.000 € selbst zu erwirtschaften. Dies ist nur mit
Sponsoren, der Unterstützung der Gay Community und Spenden möglich.
Vorbeugen ist besser als für die Versorgung von Kranken zu zahlen. Die
Bremer Politik hat sich für eine Förderung der Beratungsstelle
entschieden. Wir fordern alle auf, uns bei der Fortführung der Arbeit zu
unterstützen. Ganz besonders bedanken möchten wir uns bei den
freiwilligen Helferinnen und Helfern, ohne die wir diese Arbeit nicht so
umfangreich durchführen können.
Aus Anlass dieses Jubiläums findet ein
Empfang für eingelandene Gäste in der Oberen Rathaushalle statt. Bürgermeister Jens Böhrnsen ist der Gastgeber.
Das Jubiläum in den Medien:
Der Regionalsender Radio Bremen hat in seinem TV-Magazin
buten un binnen am 12. April einen Beitrag zum 25-jährigen Jubiläum der Beratungsstelle gesendet. Das Video kannst du dir
hier ansehen.
Auch die
Deutsche AIDS-Hilfe hat auf ihrer Website über das Jubiläum geschrieben. Zum Nachlesen klicke
hier.
Foto: Das Team der Beratungsstelle (Arno Oevermann, Bernd Thiede und Annette Mattfeldt)
Posted: 15.04.2011